Muzungu how are you??

Der letzte Beitrag (How to write about Africa) ist im Rahmen einer Zeitschrift erschienen, deren Einleitung mir sehr gefallen hat. Deshalb möchte ich sie hier der Vollständigkeit halber auch einfügen:

Africa is too large and diverse for generalizations. It has fifty-four nations, five time zones, at least seven climates, more than 800 million people and, according to the latest diligent research, maybe fourteen million proverbs. South Africa and Burkina Faso have as much in common as Spain and Uzbekistan. And yet people do generalize; Africa has become the continent of moral concern. (http://www.granta.com/Archive/92)

Eigentlich denke ich mir oft, dass das ja sehr schade ist. Ich werde oft gefragt, wie denn Afrika ist und bestimmt mache ich hier unglaubliche Erfahrungen die nur mutige Menschen machen können, und überhaupt steht afrikanisch mir eigentlich ziemlich gut. Hoffentlich habe ich hier noch kein Ebola bekommen (überhaupt sind die Grenzen in Afrika wegen Ebola ja eh zu), alleine reisen sollte ich vermeiden (ist ja gefährlich) und irgendwie habe ich nicht genug zu essen, denn auf meinen Fotos sehe ich ziemlich mager aus, oder? Toll, was ich für Abenteuer mache und hoffentlich komme ich heil wieder aus diesem ungemütlichen Land Ruanda (wo liegt das überhaupt?) zurück.

Das alles sind Dinge, die ich vor oder während meines Aufenthaltes in Ruanda gehört habe. Dabei bin ich eigentlich kaum überrascht, denn ich habe sehr ähnlich über den unbekannten Kontinent Afrika gedacht, bevor ich mich das erste mal mit Ruanda befasst habe. Tatsächlich war es für mich eine große Erkenntnis, dass man in Ruanda studieren kann, denn von dem was ich wusste gibts in Afrika halt irgendwie nichts (vielleicht in Ägypten oder Südafrika, aber in Ruanda…? Musste ich erst mal nachschauen ob man da sowas wie studieren kann). Aber bei näherem Hinschauen und bei mehr Recherche, und vor allem bei meinen persönlichen Erlebnissen bin ich wirklich unglaublich geschockt vom Afrikabild in Ländern außerhalb Afrikas. Wahrscheinlich gehen die meisten Menschen, die in irgendein afrikanisches Land gereist sind durch diesen Zustand. Denn man muss nicht mutig sein, um nach Ruanda zu reisen. Von der Sicherheit her ist das Land in meinen Augen deutlich über Deutschland. Ich habe hier keine schlechten Erfahrungen diesbezüglich gemacht, und gehe stark davon aus dass das in den letzten zwei Wochen auch so bleiben wird. In Deutschland würde ich nie auf die Idee kommen, nachts alleine ein Taxi zu nehmen. Aber in Ruanda? Kein Problem. Schon oft gemacht und werde ich auch noch machen. Die Motos warten ja an jeder Ecke. Und fahren mich nachts auch 45 Minuten lang durch dunklen Wald um mich zu meinem Ziel zu bringen. In Deutschland wäre ich in so einer Situation 1000 Tode gestorben. Alleine mit einem fremden Mann nachts durch den Wald…? Nie im Leben. Aber wie gesagt, in Ruanda kommen solche Zweifel nicht. Natürlich muss man trotzdem einen natürlichen Sicherheitssinn behalten, auch in Ruanda gibts große und kleine Probleme. Einer Freundin wurde mal ihre Handtasche gestohlen (das war allerdings nachts um 3 als sie alleine auf der Straße unterwegs war), und auch mir haben ein paar Leute mal „versehentlich“ an die Tasche gefasst. Aber all diese Dinge kommen mir irgendwie sehr klein vor. Zu denken, dass ich einfach nur Glück habe, dass mir nichts schlimmeres passiert ist, liegt nahe, aber kommt mir doch nicht in den Sinn. Dazu habe ich von zu vielen guten Erfahrungen aus Ruanda gehört und keine schlechten gemacht. Mein allgemeines Sicherheitsgefühl ist sehr hoch in Ruanda. Wenn ich am späten Abend alleine durch die Neckarstadt West in Mannheim laufe, fühle ich mich deutlich unsicherer, als wenn ich um die gleiche Uhrzeit mit all meinen Wertsachen durch Kigali nach Hause gehe. Damit möchte ich sagen Ruanda ist ein sehr „gemütliches“ Land.

Und irgendwie auch nicht so anders als Deutschland. Natürlich ist es gewissermaßen „anders“: Hier kauft man größtenteils auf Märkten ein, diskutiert lebhaft ob man jetzt 20 oder 30 Cent für die Tomaten kauft (vieles, vor allem Essen, ist auch billiger als in Deutschland), putzt sich fast jeden Tag die Schuhe (Außer manchen Touristen läuft hier wirklich niemand mit dreckigen Schuhen rum. Unglaublicherweise schaffen es die Ruander auch bei Schlamm und Regen die Schuhe irgendwie sauber zu halten. Den Trick habe ich noch nicht raus), und insgesamt geht es ein bisschen lauter zu. Aber eben nur ein bisschen, sehr angenehm und irgendwie nett ab und zu ein bisschen Musik auf der Straße zu hören. Achja, der Muezzin singt (wobei der in Butare eher kräht) ein paar mal am Tag (wobei ca. 90 Prozent der Ruander Christen sind). Hier sieht man ein paar Bündel Kochbanenen auf dem Markt (so vollbepackt wie die Fahrräder in Ruanda oft sind wurden diese Bananen auf nicht mehr als zwei oder vielleicht drei Fahrrädern zum Markt transportiert):

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Natürlich wäre es verkehrt zu sagen, dass hier der gleiche Lebensstandard herrscht wie in Deutschland. Wenn man ganz am Anfang nach Ruanda kommt und das Land zum ersten Mal sieht merkt man deutlich den Unterschied. Sobald man den Flughafen verlässt wird einem bewusst, dass es ein ärmeres Land ist. Viele haben nicht genug Geld, um sich mehr als ein T-Shirt und eine Hose zu leisten und manche von diesen Menschen laufen bei jedem Wetter barfuss rum. Für mich war es allerdings eine Erkenntnis, dass es zwar Armut gibt, aber auch Reichtum. Es gibt z.B. allein in Butare Straßenkinder und Kinder die morgens den Eltern sagen, dass sie keine blöden Haferflocken sondern bitte Schokobällchen ins Müsli wollen (habe ich aus erster Hand von einem Elternteil der nicht wirklich zu wissen schien wie er mit diesem verwöhnten Kind in der Situation umgehen soll. Sein Kommentar dazu war: „Und das mitten in Sub-Sahara Afrika!“). Ebenfalls habe ich gelernt, dass Reisende, die ihren europäischen Lebensstandard beibehalten wollen, das mühelos machen können. Hier gibt es nämlich alles, was man braucht (und eigentlich nicht braucht), bei den meisten scheitert es eben am Geld. Aber wer will und kann, kann sich hier auch neben Schokobällchen eigentlich alles kaufen, mit dem wir in Europa so verwöhnt werden. Und wenn man in den Nakumat in Kigali schaut, so ist die Shampoo-Auswahl nicht kleiner als im dm. Wobei viele Dinge importiert werden und somit deutlich teurer sind als in Deutschland (10 Euro für das teuerste Shampoo fand ich etwas viel und hab mir eins für 4 Euro gekauft. Oder weißes Puder. Ich war nicht vorausschauend genug mir zwei Döschen mitzunehmen und habe hier dann festgestellt dass dieser Muzungu-Spaß hier mindestens 15 Euro kostet..). Witzig ist, dass ich ein paar mal ganz einfache Dinge gesucht habe, sie aber im Nakumat-Dschungel nicht gefunden habe. So gab es super Rasierklingen, aber keinen Rasierstil und als ich Abschminke gesucht habe habe ich nur was für 25€ gefunden. Das hab ich nicht ganz verstanden, wo es im Nakumat doch sonst ALLES gibt… Fernseher, Sofas, Bürokram, Bücher, Bobbycars in allen Ausführungen, Bücher ohne Ende, Essen (gesund und ungesund), Trinken (auch alles was man sich vorstellen kann), Haushalt und letztlich Beauty & co. Und zu der Weihnachtszeit auch überlebensgroße Plastik Weihnachtsmänner die ein Lied gesunden haben und dabei eine Hand mit einer Glocke sehr kitschig hoch und runter bewegt haben. Einmal habe ich mich darin fast verlaufen, weil es einfach so groß ist.

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Das alles sind viele Dinge, die mir in den letzten Wochen durch den Kopf gingen. Ich habe mich gefragt, weshalb viele Menschen Afrika so gerne als das „böse Land“ sehen in das man nicht hinreisen sollte, wenn man nicht gerade vorhat für Menschenrechte zu kämpfen oder Kindern in Flüchtlingslagern Englisch oder Computerkenntnisse beizubringen. Und da tut sich bei mir auch immer die Frage auf: Braucht Afrika diese „Entwicklungshilfe“ überhaupt….? Aber das ein ganz anderes Thema. Dazu lese ich gerade das Buch „Dead Aid“ von Dambisa Moyo, einer Gegnerin von westlicher „Hilfe“, welches uns im Unterricht empfohlen wurde. Ich finde, Afrika braucht mehr gleichgestellten Austausch. Menschen, die nicht hier herfahren, um zu helfen, sondern die auf gleicher Ebene herkommen. Das würde auf lange Sicht hoffentlich das Afrikabild in Europa und natürlich auch das Europabild in Afrika verändern. Denn auch hier merkt man noch sehr stark den kolonialen Einfluss. „Weiß“ ist hier halt „schöner“ und auch „besser“, denn in Europa „hat man’s einfach drauf“. Damit bringt Afrika sich selbst in eine unterlegene Position, was nicht hilfreich zur so sehr gewollten und allseits angestrebten Entwicklung des Landes ist (Da frage ich mich: Was ist Entwicklung? So sein wie in Europa? Hm.). Dazu haben wir einen sehr interessanten und kritischen Artikel im Unterricht behandelt (siehe Mwenda-Andrew–Double standards of the West re Africa–March2012).

Alles in einem wirft so eine Reise natürlich viele Fragen auf und ich fühle mich so, als wäre ich mitten im Weltgeschehen drin (etwas holprige Formulierung, aber vielleicht passiert sowas wenn man mal aus dem Alltagstrott rausgerissen wird und gezwungen wird, sich mit globaleren Fragen zu befassen). Unglaublich ist es auch wie sehr die Hautfarbe eine Barriere darstellen kann. Ich habe ein paar sehr gute Freunde hier gefunden für die es egal ist dass ich weiß bin, aber für die meisten Menschen bin ich doch irgendwie ein Alien, bei dem man nie wirklich weiß von welcher Seite man an ihn rangehen soll und kann, und man weiß auch nie wie dieser Alien gleich reagiert. Deshalb lässt man’s lieber gleich. Diese Einstellung scheint sich ziemlich die Waage zu geben mit dem neugirigen „wer bist Du wo kommst du her was machst du erzähl mir alles über dich!“. Ein bisschen habe ich mich daran gewöhnt, aber manchmal ist es schon etwas störend wenn 5 Leute ihre Konversation unterbrechen, um mir beim Laufen auf der Straße oder SMS tippen zusehen. Dann fühle ich mich wie ein Superstar, auch wenn wildfremde Leute fragen ob sie ein Bild mit mir machen dürfen 🙂 Ich bin schon wirklich gespannt darauf, wie Ruanda in 20 Jahren aussehen wird, ob dann weniger auf weiße Menschen geachtet wird, wie viele Hochhäuser hier noch in den Himmel schießen werden und ob das Land seinen Kurs durchziehen wird um die Armut ganz auszulöschen. Viele Ruander sind zuversichtlich. Sie freuen sich über die Sicherheitslage (vor allem die, die es auch anders kennen) und glauben, dass auch extreme Armut in (naher) Zukunft ein Ende haben wird. Ich finde es unglaublich spannend. Vor allem weil jedes Land dieser Erde so gleich und doch so unterschiedlich ist. Wenn man die Grenze nach Burundi überquert, befindet man sich wie auf einem anderen Planeten. Das Land ist deutlich ärmer als Ruanda und sobald man wieder zurückkommt, sieht man in Ruanda das Geld deutlich aus jeder Ecke kommen. Burundi war auf jeden Fall eine sehr interessante Erfahrung, denn wie ich schon berichtet habe war das reiner Muzungu Urlaub für Menschen mit viel Geld. Nochmal mache ich sowas nicht gerne mit, denn mir war das irgendwie sehr unangenehm in einem der ärmsten Länder der Welt edel zu dinieren und mehr Geld für ein Wochenende auszugeben, als viele Menschen pro Jahr zur Verfügung haben.

So, jetzt habe ich wirklich einen Roman geschrieben. Seht das als Kompensation für die ausgeblieben Beiträge der letzten Wochen/Monate. Vielleicht musste sich auch erst alles anstauen, um jetzt in Worte gefasst zu werden. Fazit: Ich freue mich sehr, in Ruanda studiert zu haben, aber ich freue mich auch wieder anonym durch die Straßen Mannheims zu laufen, und einfach nur normal zu sein. Aber wer weiß, vielleicht wird mir das regelmäßige „Muzungu how are you??“, „Sista special taxi??“ oder das „Good morning!“ von Kindern zu jeder Tages und Nachtzeit auch fehlen… 🙂 (Ausgelassen habe ich bei dieser Aufzählung das „Give me money!“, das wird mir nicht fehlen). Normal zu sein kann so schön sein. Wenn NIEMAND schaut, wenn ich mir die Schnürsenkel binde, Kaugummis kaufe oder einen Tee bestelle. Das werde ich in Zukunft definitiv zu schätzen wissen.

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